Tagebuch Hornstorf 2002
Teil 3 von 11
01.05.2002 Nun endlich sind die ersten Jungstörche geschlüpft. Ich hatte das große Vergnügen, für wenige Augenblicke die Jungstörche
zu sehen, denn die Eltern schützen den Nachwuchs vor Kälte und Feuchtigkeit, indem sie sich über die Küken setzen (Hudern). Es sind
ganz sicher zwei, aber ich glaube einen dritten gesehen zu haben. Da die Jungstörche nicht zeitnah schlüpfen, könnte es gut sein, dass
sogar mehr als drei Junge im Nest
sein werden. Dies liegt daran, dass die Eier über mehrere Tage gelegt werden und sich dementsprechend unterschiedlich entwickeln.
Später konnte ich gut beobachten, wie die Storchenküken gefüttert wurden. Die Beute wurde vom Altstorch in die Nestmulde gewürgt, und
die Jungstörche nahmen die kleinen Beuteteile (hauptsächlich Würmer und Schnecken) selber auf. Dabei stand der Elternteil schützend, etwas
breitbeinig über dem Nachwuchs. Die übriggebliebene Nahrung wurde für den Eigenbedarf vom Altstorch wieder aufgenommen.
Wie viele andere Vögel auch, legen Weißstörche möglichst viele Eier (im Schnitt vier bis fünf), um eine biologische Reserve zu
haben. Wenn es bei der Aufzucht der Jungen zu Komplikationen kommt, dass kann zum Beispiel am schlechtem Wetter oder Krankheit der Jungstörche liegen, regulieren die Altstörche den Bestand selber, so dass möglichst viele gesunde Vögel überleben. So ist es ganz normal, dass mehr Eier gelegt werden, als letztendlich Jungstörche ausfliegen.
In den nächsten Tagen werde ich sicherlich Genaueres beobachten können. Leider war mal wieder sehr wechselhaftes, unangenehmes
Wetter (immerhin ca. 16°C) und nicht nur die Störche sind mächtig nass geworden. Auf jeden Fall ist für die Altstörche die ruhige
Phase der Saison vorbei, denn die Kleinen müssen immer öfter gefüttert werden.
05.05.2002 Die letzten Tage waren bei ca. 12°C sehr regnerisch, und ich konnte leider nicht vor Ort sein. Ich hoffe auf angenehmeres
Wetter, so dass die Störche es mit der Aufzucht ihrer Jungen einfacher haben. Leicht könnten die Jungen in den ersten 10 Tagen krank
werden und sterben. Weiterhin müssen die Eltern darauf achten, dass das Regenwasser vom Horst schnell abläuft. Leicht entsteht bei
falscher Bauweise oder falschem Baumaterial (z.B. Plastiktüten) eine Pfütze, und die Jungen könnten erfrieren oder ertrinken. Weiterhin
ist bei schlechtem Wetter mit viel Regen kaum Thermik vorhanden, und die kräftezehrenden Ruderflüge ins weiter entfernte Nahrungsgebiet
sind kaum möglich, jetzt zeigt sich, wie gut das Gebiet im Umkreis von ca. 3Km um den Horst ist.
09.05.2002 Ein herrlicher "Sommertag" bei ca. 25°C, leichtem Ostwind und total blauem Himmel. Es sind drei Storchenküken zu sehen
gewesen, ich war mir allerdings nicht sicher, ob es vielleicht doch ein viertes Küken im Nest gibt. Es ist durchaus möglich, dass
es noch viel kleiner als die anderen ist und deshalb nicht so gut zu sehen war. Auf jeden Fall sind die Jungen sehr lebhaft, und es
war ein großes Vergnügen, das Geschehen zu beobachten. Immer wieder betteln die Kleinen nach Nahrung. Sehr schön war auch das angeborene
Klappern der Jungstörche zu beobachten, allerdings wird es noch eine ganze Zeit dauern, bis das Klappern so laut wird, dass man es hören
kann (auch wenn es zeitweise sehr ruhig in Hornstorf ist). Die Eltern verhalten sich sehr vorsichtig, gerade dann, wenn sie über den Küken
stehen, es wird wirklich jeder Schritt wohl überlegt. Immer wieder bringen die Altstörche weiches Nistmaterial, wie Gras und Moos mit und
reinigen behutsam den Horst rund um die Küken. Für die Beobachtungen am Horst musste ich einen etwas weiter entfernten Platz
aufsuchen, da der Horst mit Gras bewachsen ist und die Jungstörche nicht zu sehen gewesen wären.
11.05.2002 Am frühen Vormittag wurde im Nordwesten von Hornstorf ein Feld gepflügt, eine gute Gelegenheit, Störche bei der
Nahrungssuche zu beobachten. Der männliche Storch ist schreitend auf dem Feld unterwegs gewesen und hat nach und nach Nahrung
aufgenommen, dabei ließ er sich von den nah vorbeifahrenden Traktoren nicht stören. Nach etwa einer Stunde machte sich der Storch
auf den kurzen Rückflug zum Horst. Wie immer wurde er von seiner Partnerin mit viel Geklapper empfangen und anschließend die Kleinen
gefüttert. Kurz nachdem das Weibchen zur Nahrungssuche auf das gleiche Feld geflogen war, kam ein fremder Storch vorbei und
flog den Horst an. Durch das Klappern des am Horst verweilenden Altvogels wurde der auf dem Feld "zur Hilfe gerufen", und nur
kurze Zeit später konnten beide gemeinsam den Störenfried verjagen. Dazu flog die Störchin dem Fremden in Richtung Norden hinterher
und drehte nach wenigen hundert Metern wieder um und landete auf dem gleichen Feld wie zuvor. Nachdem die nahrungssuchende Störchin
wieder zum Horst zurückgekehrt war, blieben beide Altstörche gemeinsam am Horst und kümmerten sich um ihren Nachwuchs. Für kurze Zeit
war einer der Eltern unterwegs, um neues, weiches Nistmaterial zu holen. Da es bei 26°C, viel Sonnenschein und Windstille sehr warm
war, wurden die Jungen nicht gehudert und konnten sich frei am Horst bewegen. Es war einfach prima, die Jungen in Aktion zu
beobachten. Leider zog gegen 14:00 Uhr ein Gewitter auf, und es begann zu regnen. Das Weibchen schütze die Jungen, während das
Männchen auf dem Feld unterhalb des Horstes den Regen abwartete. Nach dem Unwetter kehrte das Männchen zum Horst zurück. Zuvor
hatten sich beide Altvögel das Gefieder durch reichliches Schütteln getrocknet.